© Federico Farinatti
Trendreport

Architektur als gesell­schaft­liche Praxis

Wie Räume Gemeinschaft ermöglichen und Bauten, die Teilhabe nicht inszenieren, sondern strukturell vorbereiten – lokal verankert, offen für Aneignung.

Architektur gewinnt gegenwärtig dort besondere Relevanz, wo sie nicht allein Räume definiert, sondern soziale Beziehungen ermöglicht. Fragmentierte Nachbarschaften, der Rückzug öffentlicher Infrastruktur und die wachsende Distanz zwischen institutioneller Planung und alltäglicher Aneignung bilden den Hintergrund für neue Ansätze, die sich besonders deutlich in der Transformation des Bestands, ebenso aber im Neubau zeigen. Im Zentrum steht eine Haltung, die das Gebäude nicht als autonome Setzung, sondern als Teil eines gesellschaftlichen Gefüges begreift: als Ort, an dem unterschiedliche Gruppen einander begegnen, Interessen teilen und Formen der Gemeinschaft erproben können.

 

Darin liegt keine Rückkehr zu einer sozialdidaktischen Architektur, die Verhalten räumlich zu steuern versucht. Sichtbar wird vielmehr ein relationales Verständnis von Entwurf als gesellschaftliche Praxis. Gebäude, Freiräume und Umnutzungen werden dort wirksam, wo sie nicht lediglich Programme aufnehmen, sondern Voraussetzungen für Teilhabe schaffen. Architektur wird zur Infrastruktur gemeinsamer Präsenz. Ihre Qualität artikuliert sich in offenen Grundrissen, abgestuften Schwellen, nutzungsoffenen Räumen und einer gestalterischen Zurückhaltung, die Aneignung nicht inszeniert, sondern strukturell vorbereitet.

 

Für diese Bauaufgabe hat sich bezeichnenderweise keine verbindliche Typologie herausgebildet. Sie firmiert als Third Place, Multi-Service Cultural Centre, Bürgerzentrum, Dorfmitte, Stadtteiltreff, Gemeinschaftshaus oder unter der offenen Zuordnung Social Welfare / Community. Diese terminologische Unschärfe verweist auf eine programmatische Besonderheit: Die Häuser beziehen ihre Identität nicht aus einer standardisierten Funktion, sondern aus der präzisen Antwort auf einen lokalen Bedarf. Der Verlust solcher Orte durch ausgedünnte Daseinsvorsorge, kommerzialisierte Innenstädte und einen zunehmend privatisierten Alltag ist selbst ein soziopolitischer Vorgang.

Über die wechselnden Bezeichnungen hinweg kehren zwei räumliche Figuren wieder: die Halle oder Scheune als großzügiger, zunächst unterbestimmter Innenraum und der Hof als in das Gebäude eingelagerte Öffentlichkeit. Die Halle stellt Robustheit und programmatische Elastizität bereit; der Hof ordnet Zugänge, Blickbeziehungen und Nachbarschaften, ohne sie vollständig zu hierarchisieren.

Europäische Beispiele zeigen, wie unterschiedlich diese Prinzipien ausformuliert werden. Das bewusst einfache Libellules Community Center von acau architecture in Vernier gruppiert Werkstätten, Beratungsangebote und Räume des täglichen Aufenthalts um einen überdeckten, gemeinschaftlich nutzbaren Innenraum. Der 2024 fertiggestellte Bau reagiert auf ein heterogenes Quartier zwischen großmaßstäblichen Wohnanlagen und transformiert die klassische Typologie des Gemeinschaftshauses in eine räumliche Mitte mit hoher programmatischer Offenheit. Gemeinschaft wird damit nicht als festgelegtes Nutzungsprogramm definiert, sondern als Möglichkeit zur Aneignung: durch Markt, Spiel, Lernen, informelle Begegnung und wechselnde Formen lokaler Aktivität.

Auch andere Projekte zeigen eine zukunftsoffene Raumstruktur: Im Quartierszentrum Amal Amjahid von &bogdan in Brüssel werden Sport, Betreuung, Gastronomie und Wohnen durch eine Folge gemeinsamer Leerräume verbunden, während der Stadtteiltreff Augustin von nbundm in Ingolstadt seine Nutzungen gleichberechtigt um einen geschützten Patio organisiert. Der kompakte, pavillonartige Baukörper steht selbstverständlich zwischen Schule, Kirche und Wohnbebauung: zurückhaltend in seiner Setzung, klar in seiner Form und gerade deshalb präzise in seiner Wirkung. Die Idee des Patio wird im jüngsten Wettbewerbsbeitrag des büro hacke für das Haus der Jugend am Berliner Südkreuz noch weitergedacht – und gewinnt damit den Wettbewerb. Ein kompakter, zweigeschossiger Baukörper fasst einen überdachten Innenhof, der als gemeinsamer Stadtplatz im Haus funktioniert. Als räumliches Zentrum verbindet der Hof die unterschiedlichen Nutzungen und schafft einen geschützten Ort für Begegnung, Veranstaltungen und selbstorganisierte Jugendkultur.

 

Beim Dorfgemeinschaftshaus Flörsbachtal von CCM Architekten liegt die gesellschaftliche Bedeutung bereits in der Bauaufgabe selbst. Vier Ortsteile brauchen ein gemeinsames Haus, einen verlässlichen Ort für Veranstaltungen, Alltag und Begegnung. Ein massiver Bestandskörper wird dafür mit einem offenen Neubau aus hölzernen Dreigelenkrahmen verbunden. Entscheidend ist nicht die demonstrative Neuinterpretation lokaler Bautradition, sondern die Herstellung einer belastbaren und zugänglichen Infrastruktur. Das Haus gibt einer räumlich verteilten Gemeinde einen Mittelpunkt und damit die Möglichkeit, Gemeinschaft dauerhaft zu organisieren.

Der Schiebetürenpavillon von Piertzovanis Toews in Nuglar-St. Pantaleon führt diesen Gedanken als partizipativen Prozess weiter. Der Jugendtreff wurde nicht lediglich für junge Menschen geplant, sondern ging aus ihrem eigenen Impuls hervor. Vom offenen Brief an die Gemeinde bis zur baulichen Umsetzung und zum Möbelbau waren Jugendliche sowie Dorfbewohner*innen beteiligt. Die beweglichen Paneele machen diese Offenheit räumlich erfahrbar. Der Pavillon lässt sich verändern, reagiert auf unterschiedliche Formen des Zusammenseins und bleibt den Menschen verfügbar, die ihn initiiert und mitentwickelt haben.

Eine zweite Linie führt über die Transformation industrieller und gewerblicher Bestände. Third Place Flow von Office Zola Architectes in Vannes öffnet eine ehemalige Halle durch einen bepflanzten Patio und macht sie als modularen, reversibel bespielbaren Raum verfügbar. Beim Vapor Cortès für Prodis 1923 im katalanischen Terrassa überführen H ARQUITECTES ehemalige Industriehallen in ein inklusives Zentrum; die frühere Gasse zwischen den Hallen wird dabei zur öffentlich zugänglichen Passage.

Kafka Oasis – 66 Park von weshare in Wuhan zeigt, wie sich ein von Erschließung und Restflächen geprägter Bestand wieder in den nachbarschaftlichen Alltag einschreiben lässt. Durch gezielten Rückbau, wiederverwendete Bauteile und Räume für Essen, Arbeit, Spiel und Austausch gewinnt die Gemeinschaft ein Stück Stadt zurück. Sie öffnet den Bestand, macht seine kollektiv genutzten Hofräume erneut zugänglich und versteht Stadterneuerung als Ermöglichung gesellschaftlicher Aneignung.

 

Die ausgezeichneten Projekte der ICONIC AWARDS verdichten diese Entwicklung in unterschiedlichen sozialen, räumlichen und landschaftlichen Konstellationen. Sie zeigen Gemeinschaft als frei aneignungsfähigen Freiraum, als dörfliche Infrastruktur, als Ergebnis partizipativer Planung, als Bildungsort und als Aktivierung des Bestands. Die Auszeichnung verbindet diese Arbeiten, ohne ihre jeweiligen Kontexte und Antworten auf ein gemeinsames Modell zu reduzieren.

Der Verlust tragfähiger Gemeinschaftsorte erweist sich damit als globale Erfahrung, die nur lokal beantwortet werden kann. Übertragbar ist dabei nicht das Bild, sondern die Strategie: die produktive Unterbestimmung von Räumen, die Verknüpfung verschiedener Programme, das Weiterbauen vorhandener Strukturen und die Einbindung jener, die einen Ort später tragen.

Gemeinsam ist allen Arbeiten eine unaufgeregte Architektursprache. Sie verwechselt Zurückhaltung nicht mit Neutralität und Einfachheit nicht mit Anspruchslosigkeit. Ihre Ökonomie ist Entwurfsdisziplin: Qualität entsteht aus räumlichen Beziehungen, robusten Konstruktionen, angemessenen Materialien und der Fähigkeit, Veränderungen aufzunehmen. Das Soziale liegt nicht allein in der Widmung. Stattdessen ist es in Grundrissen, Zugängen, Schwellen, Freiräumen, Konstruktionsweisen und Beteiligungsprozessen angelegt.

Die ausgezeichneten Projekte begründen weder ein formales Leitbild noch eine einheitliche Typologie. Sie stehen für Architektur als gesellschaftliche Praxis: lokal verankert, offen für Aneignung und präzise genug, dem Gemeinsamen Dauer und räumliche Handlungsfähigkeit zu geben.

Zum Seitenanfang springen