
Gebaute Gastfreundschaft
Lange galt die Hotellerie als Spezialistin für Aufenthaltsqualität. Ihre Architektur organisierte Ankunft, Rückzug, Begegnung und Versorgung als eigene Choreografie des temporären Bewohnens. Heute erleben wir in Gesundheitsbauten, in der Gastronomie, in Wohnhäusern, Kulturinstitutionen und hybriden Arbeitswelten, wie die Frage des Komforts immer stärker ins Zentrum rückt.
Damit verschiebt sich auch der Begriff der Gastfreundschaft. Er meint nicht primär Service, Ausstattung oder Erlebniswert. Gastlich wird ein Raum dort, wo er Orientierung gibt, ohne zu bevormunden; wo er Nähe ermöglicht, ohne Rückzug zu verhindern; wo er unterschiedliche Rhythmen des Aufenthalts zulässt. Die diesjährigen ICONIC AWARDS zeigen: Gastfreundschaft entsteht nicht erst im Zimmer oder am Tisch. Sie beginnt an der Schwelle, setzt sich in der Folge von Räumen fort und wird über Licht, Material, Akustik und Möblierung körperlich erfahrbar. Entscheidend ist dabei die Gestaltung des Übergangs. Eingänge, Höfe, Foyers, Treppen und Zwischenräume sind keine bloßen Erschließungszonen. Sie bestimmen, ob ein Gebäude Menschen empfängt oder lediglich verteilt. Eine gute Schwelle erlaubt ein langsames Ankommen. Sie schafft Blickbeziehungen, bietet Orientierung und hält offen, ob jemand unmittelbar weitergeht, innehält oder sich vorübergehend niederlässt. Gastfreundschaft zeigt sich gerade dort, wo Architektur keine eindeutige Form des Verhaltens verlangt. Gerade deshalb zeigt sich die Reichweite des Themas nicht nur in Hotels oder Restaurants. Sie wird dort besonders deutlich, wo Architektur Menschen in verletzlichen, konzentrierten oder räumlich begrenzten Situationen begleitet: in dem kleinen Ferienhaus, das auf minimaler Fläche zwischen gemeinsamer Nutzung, Landschaftsbezug und privatem Rückzug vermittelt, ebenso wie in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, deren Räume Vertrauen, Orientierung und emotionale Stabilität unterstützen müssen.
Wie weit diese Haltung reichen kann, zeigt die Transformation der Royale Belge in Brüssel durch Caruso St John, Bovenbouw Architectuur, DDS+ und MA². Der ehemalige Hauptsitz einer Versicherung wurde zu einem hybriden Haus aus Hotel, Co-Working, Büros, Restaurant, Health Club und Wellness weiterentwickelt. Entscheidend ist weniger die programmatische Vielfalt als die neue innere Ordnung des Bestands. Eine zentrale Halle und eine neue Treppe bringen die unterschiedlichen Nutzungen in Beziehung; die frühere Monumentalität des Gebäudes bleibt lesbar, wird jedoch durch neue Zugänge, Aufenthaltsbereiche und Verbindungen im Sockel für andere Formen des Gebrauchs geöffnet. Gastfreundschaft erscheint hier nicht als dekorativer Zusatz, sondern als Fähigkeit, einem großen Bestand verschiedene Grade von Öffentlichkeit, Konzentration, Begegnung und Rückzug einzuschreiben.
Auch das Dorothea Hotel in Budapest zeigt, dass Ankommen mehr sein kann als ein kurzer funktionaler Moment. Lissoni & Partners verbinden drei benachbarte Gebäude unterschiedlicher Epochen zu einem gemeinsamen Ensemble, ohne deren jeweilige Identität zu nivellieren. Höfe, Fassaden und Raumfolgen werden nicht zugunsten eines einheitlichen Hotelbildes geglättet, sondern zu einer neuen, vielschichtigen Dramaturgie des Aufenthalts zusammengeführt. Besonders die neu geordnete Dachlandschaft, die auch der Öffentlichkeit zugänglich ist, erweitert die klassische Hoteltypologie in Richtung Stadtraum. Gastfreundschaft entsteht hier aus der Vermittlung zwischen historischer Tiefe, urbaner Öffentlichkeit und privater Rückzugsmöglichkeit.
Doch Gastfreundschaft erschöpft sich nicht in einer klugen Raumfolge. Sie wird auch über das Material wahrgenommen, lange bevor sie begrifflich erfasst wird. Oberflächen geben einem Raum Temperatur, Gewicht und Dauer. Holz kann Vertrautheit vermitteln, mineralische Materialien können Ruhe und Beständigkeit erzeugen, textile oder poröse Schichten reduzieren akustische Exponiertheit. Entscheidend ist nicht die dekorative Wirkung eines Materials, sondern seine Fähigkeit, einen Aufenthalt weniger ausgestellt und damit selbstverständlich zu machen. Eine Oberfläche, die Alterung zulässt, gibt einem Ort Geschichte. Sie verhindert, dass er zur austauschbaren Kulisse wird.
Das Hôtel du Couvent in Nizza führt diese sinnliche Dimension der Gastfreundschaft exemplarisch vor. Die Umwandlung eines Konvents aus dem 17. Jahrhundert durch Studio Mumbai und Studio Méditerranée bewahrt die räumliche Logik des Bestands, ohne sie museal zu fixieren. Terrakotta, Stein, Holz und Kalk-Hanf-Putz prägen Räume, deren Qualität nicht auf einer demonstrativen Luxussprache beruht, sondern auf Materialität, Patina und einer kontrollierten Zurückhaltung. Der Putz verbessert zugleich die thermische und akustische Qualität der historischen Räume. Gastfreundschaft wird hier körperlich erfahrbar: durch gedämpften Klang, schwere Oberflächen, gefiltertes Licht und eine Raumfolge, die Verlangsamung nicht inszeniert, sondern ermöglicht.
Auch Licht ist dabei mehr als eine Frage der Belichtung. Es entscheidet darüber, wie ein Raum gelesen wird, wo Aufmerksamkeit entsteht und wo Rückzug möglich bleibt. Seitlich einfallendes Tageslicht macht Materialien lesbar. Gedämpfte Zonen können Schutz geben, ohne sich vollständig vom Außenraum abzuschließen. Helle Bereiche erleichtern Orientierung und fördern gemeinschaftlichen Aufenthalt. Erst die Abstufung unterschiedlicher Lichtintensitäten erlaubt es, dass ein Raum zugleich offen und nicht entblößend wirkt.
Hinzu kommt das Gefühl für Möglichkeitsräume. Ein gastlicher Ort zwingt Menschen nicht zu einer einzigen Form des Aufenthalts. Er bietet unterschiedliche Intensitäten: gemeinschaftliche Räume, halbprivate Zonen, Orte zum Beobachten, kurze Zwischenhalte und stille Rückzugsmöglichkeiten. Diese Vielfalt ist keine Frage von Größe oder Ausstattung. Sie entsteht durch proportionierte Raumfolgen, durch Sichtbeziehungen, durch die Lage von Sitzgelegenheiten und durch die Möglichkeit, Nähe und Distanz immer wieder neu auszubalancieren.
Genau hier setzen die Best-of-Best-Gewinnerprojekte der ICONIC AWARDS an. Sie übertragen die räumliche Intelligenz der Gastfreundschaft in sehr unterschiedliche Typologien und Maßstäbe: in ein Gästehaus, ein Ferienhaus, ein Meditationshotel, eine psychiatrische Klinik, eine historische Villa und ein Badhaus. Manche entwickeln sie aus der behutsamen Fortschreibung eines Bestands, andere aus einer präzisen Möblierung auf kleinstem Raum, aus Höfen und gedeckten Übergängen oder aus der atmosphärischen Wirkung von Licht, Material und Akustik. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Aufenthalt nicht als Nebenfolge einer Nutzung behandeln. Sie gestalten ihn selbst: als körperliche, zeitliche und soziale Erfahrung.
The Journey of a Stranger, Qibie Arcadia von STUDIO MOR und Dolma Atelier setzt nicht auf die Inszenierung eines fremden Orts, sondern auf das behutsame Weiterbauen an einer vorhandenen Lebensform. Bestehende Höfe, die Küche und der große Ofen bleiben erhalten und werden durch Sitzbereiche, Holzplattformen und gedeckte Übergänge ergänzt. Die Architektur organisiert unterschiedliche Grade von Gemeinschaft und Rückzug. Sie ermöglicht das Zusammensein am Feuer ebenso wie das stille Verweilen in den Zimmern oder im Schatten der Engawas. Aufenthaltsqualität entsteht hier aus der langsamen Aneignung eines Orts, nicht aus einem touristischen Programm.
Das Kleine Ferienhaus auf dem Hof Ahmen von Atelier Sunder-Plassmann verdichtet dieselbe Frage auf nur 55 Quadratmeter. Das Haus ergänzt die Reihe der offenen Schafställe nicht als Solitär, sondern als weiteres Dach innerhalb des bestehenden Ensembles. Ein durchgehendes Einbaumöbel gliedert den Raum in Wohnen, Bad und zwei Schlafkojen. Über Schiebetüren lassen sich diese abtrennen oder zum Hauptraum öffnen und werden dann zu Daybeds. Rückzug entsteht damit nicht durch Abschottung, sondern durch die Möglichkeit, Nähe zur Landschaft, gemeinsames Wohnen und individuelle Privatheit immer wieder neu auszubalancieren. Gerade in dieser räumlichen Ökonomie liegt seine Gastfreundschaft.
Das Meditation Hotel am Fuß des Yunlong Mountain in Xuzhou führt den Gedanken in einen größeren landschaftlichen Maßstab. Höfe, Wasserflächen und Räume der Kontemplation werden zu einer Folge von Bewegungen und Unterbrechungen. Öffentlichkeit und Rückzug, urbane Dichte und landschaftliche Weite, Aktivität und Sammlung gehen schrittweise ineinander über. Der Weg durch die Anlage wird zum eigentlichen Instrument des Entwurfs. Verlangsamung erscheint nicht als Zusatzangebot, sondern als räumliche Erfahrung.
Mit der Brain Psychiatry Clinic von LABOTORY überträgt sich diese Haltung in einen therapeutischen Kontext. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ersetzt klinische Härte durch eine ruhige, vertraute Raumfolge. Unterschiedliche Sitzbereiche, offene Zonen und sanfte Übergänge erlauben Nähe, ohne sie zu erzwingen, und Rückzug, ohne Absonderung zu produzieren. Atmosphäre wird hier nicht dekorativ verstanden. Sie wird Teil einer Architektur, die Vertrauen, Orientierung und emotionale Stabilität unterstützt. Gerade an diesem Beispiel wird sichtbar, wie weit der Begriff der Gastfreundschaft über die Hotellerie hinausreicht.
Auch die FORESTIS Villa und das Contrapunct Badhaus zeigen, dass Gastfreundschaft wesentlich mit der Fähigkeit eines Ortes zu tun hat, unterschiedliche Wahrnehmungsweisen zuzulassen. Die Villa entwickelt ihren Charakter aus der behutsamen Fortschreibung eines ehemaligen Ärztehauses zwischen Landschaft, Rückzug und Heilung. Das Badhaus in Brixen arbeitet mit Ziegel, geripptem Glas, Kupfer, Höfen und gefiltertem Licht, um den Übergang zwischen öffentlichem Stadtraum und konzentrierter Privatheit zu organisieren. In beiden Fällen entsteht Aufenthaltsqualität nicht durch ein Mehr an Programm, sondern durch die Präzision, mit der Materialien, Licht und räumliche Schwellen aufeinander abgestimmt sind.
Wie baut man Gastfreundschaft?
Nicht durch eine wiedererkennbare Ästhetik und auch nicht durch die bloße Addition komfortabler Angebote. Sie entsteht, wenn Architektur den Aufenthalt als Folge von Wahrnehmungen, Entscheidungen und Beziehungen versteht: vom ersten Schritt über die Schwelle bis zu der Möglichkeit, sich zurückzuziehen, ohne sich ausgeschlossen zu fühlen. Gastliche Räume nehmen Menschen nicht in Besitz. Sie geben ihnen Orientierung, Schutz und die Freiheit, ihre eigene Form des Dabeiseins zu finden.














