
Neukodierung des Gebauten
Das Gedächtnis der Architektur besteht aus den Spuren ihrer Entstehung und Nutzung, die sich am Gebäude ablesen lassen. Es zeigt sich als historisch gewachsenes Geflecht, in dem Funktion und Bedeutung, geschichtete Materialien, Raumgefüge, Atmosphären und gesammeltes Wissen miteinander verwoben sind. In der kulturellen Umnutzung erfährt dieses Geflecht eine neue Dimension: Aus Räumen, die einst spezifischen Macht- oder Produktionslogiken dienten, werden Orte, die in offenen, zukunftsorientierten Programmen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Architekten auf der ganzen Welt widmen sich der tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der historischen Substanz, um Narrative zu erkennen und weiterzudenken, die sich in Fassaden, Räumen, Proportionen und Patina eingeschrieben haben.
Einige Preisträger*innen der diesjährigen ICONIC AWARDS zeigen uns, wie das Bauen im Bestand als lebendige Projektionsfläche nicht nur einen wichtigen Beitrag zum nachhaltigen Umgang mit Bausubstanz leistet, sondern kollektive Erinnerung und gesellschaftliche Offenheit intelligent verbindet.
The Pyramide of Tirana – vom politischen Monument zum offenen Begegnungsraum
Die Pyramide von Tirana wurde von MVRDV Architekten in ein lebendiges Kulturzentrum transformiert. Ursprünglich als autoritäres Denkmal errichtet, diente sie nach dem Ende des Kommunismus unter anderem als Konferenzort, Bürogebäude und während des Kosovokriegs als NATO-Hauptquartier. Nach Jahren des Verfalls sicherte ein Referendum ihren Erhalt – mit dem klaren Ziel, einen offenen Lern- und Begegnungsort für junge Menschen zu schaffen.
Heute ist die Pyramide ein frei zugänglicher Kulturpark und Bildungszentrum, eröffnet nach der vollständigen Umgestaltung im Jahr 2023. MVRD ließ die ursprünglichen Betonflanken erhalten und ergänzte sie durch umlaufende Treppen. Zahlreiche bunte, quaderförmige Boxen befinden sich in und um die Pyramide herum mit Räumen für Veranstaltungen und Bildungsangebote. Ihre wie zufällig platzierte Anordnung durchbricht die einstige monolithische Brutalität des Gebäudes. Neu errichtete Treppen ermöglichen das Erklimmen der Pyramide, was jahrzehntelang unerlaubterweise praktiziert worden war. Durch die Kombination von respektvollem Erhalt der Bausubstanz, der Ergänzung neuer Räume und einer Öffnung für den öffentlichen Raum schufen die Architekten einen Ort, der Geschichte sichtbar werden lässt und zugleich ein buntes Zentrum für kulturellen Austausch ist.
Hagen-Haus – Alte Mauern, neuer Ton
Das Hagen Haus in Nendeln, ein klassizistisches Wohn- und Nebengebäudeensemble aus dem Jahr 1837, wurde von Cukrowicz Nachbaur Architekten in einen lebendigen kulturellen Ort verwandelt. Die denkmalgeschützten Strukturen, bestehend aus Wohnhaus, Stallscheune, Waschhaus und Schützenhäuschen, wurden behutsam zu einer internationalen Musikakademie transformiert. Im ehemaligen Wohntrakt befinden sich nun Studierenden- und Übungsräume, der Dachboden dient als Loft für die Professor*innen. Die Stallscheune wurde in einen Kammermusiksaal umgewandelt. Ein neuer, eingeschossiger Hofbau ergänzt die Anlage als Foyer mit Gemeinschafts- und Serviceflächen und verwebt so die verschiedenen Bauteile funktional miteinander. Verstellbare Holzlamellen ersetzen die historischen Holzverschalungen und vermitteln zwischen Alt und Neu, während differenzierte Gartenbereiche den Baukörper mit dem umliegenden Landschaftsraum verknüpfen und offene Übergänge schaffen. Die sorgfältig abgestimmte Material- und Formensprache sorgt für atmosphärische Kohärenz – ein Ort, der heute als internationale Musikakademie zur kulturellen Lebendigkeit im ländlichen Kontext beiträgt.



Flix Kulturzentrum – Industrie trifft auf kulturelle Resonanz
In Flix (Tarragona) wurde eine historische landwirtschaftliche Kooperative mit großer Sorgfalt zu einem zeitgemäßen Kulturzentrum umgewandelt. Die neue Nutzung steht im Dienst eines schonenden Umbaus, der die Identität des Bestands bewahrt: Die ursprüngliche leere Halle mit ihren charakteristischen Naven bleibt erhalten und bildet den räumlichen Kern eines multifunktionalen Gebäudes. Eine klare, homogene Materialität – vor allem keramisches Adobe – durchzieht die Innenarchitektur und stärkt den einzigartigen Charakter des zentralen Raums. Mit der neuen Raumaufteilung schufen Camps Felip Arquitectura ein Maximum an Flexibilität: Öffentliche Nutzungen wie Bar und Sanitäranlagen wurden bewusst in einer Seitennave untergebracht, sodass die Hauptnave nahezu frei bleibt – ideal für Veranstaltungen und vielfältige kulturelle Nutzungen. Ausgangs- und Zugangsflächen wurden bei der Planung bedacht. So blieb der Haupteingang erhalten und zusätzliche technische Zugänge und ein dritter Ausgang wurden klar und funktional integriert. Es entstand ein lebendiger Raum, der mit minimalistischer Finesse historisches Erbe und heutige Bedürfnisse zusammenführt.






