
Ortsbezug statt globaler Beliebigkeit
Während die globalisierte Architektur noch immer vor allem auf Stahl, Glas und Beton setzt, überzeugen diese ortsspezifischen Ansätze durch ihren reflektierten Umgang mit dem Standort sowie den differenzierten Einsatz von Materialien und Baupraktiken. Gerade in Zeiten von Klimawandel und Ressourcenknappheit entstehen so gestalterisch vielfältige Konzepte für ein verantwortungsvolles, charakteristisches und zukunftsfähiges Bauen: etwa der Weinkeller, der die Topografie der Landschaft aufnimmt oder das Hotel, das sich behutsam um einen jahrzehntealten Baumbestand fügt. Diese Projekte verdeutlichen das konsequente Bekenntnis von Architekt*innen und Bauherr*innen zur Auseinandersetzung mit dem Ort und Grundlage markanter architektonischer Entwürfe. Und damit gehen sie weit über die altbekannte Idee des Genius Loci hinaus – hin zu einer Architektur, die den Ort nicht nur interpretiert, sondern ihn aktiv weiterschreibt.
Trifolium – ein Weinkeller aus dem Gelände heraus gedacht
Der Weinkeller „Trifolium“ in Goriška Brda, Slowenien, wächst aus der Landschaft heraus und wird Teil des Weinbergs. Lendarchitektur integrierte das brüchige Flysch-Gestein als prägendes Element. Mit reduzierter Technik, rohen Materialien und einem kompaktem Grundriss entstand eine Produktionsstätte, die Einfachheit, Respekt vor Natur und Handwerk verkörpert. Durch ein gewölbtes Pfahlsystem konnte auf eine klassische Baugrube verzichtet werden, das Bauwerk fügt sich behutsam in das Gelände ein und ahmt den Hügel nach.
Die kleeblattförmige Grundrissfigur folgt dem Gelände und gliedert die Funktionen in klare Kammern. Sichtbeton und Cortenstahl bilden ein dauerhaftes Ensemble, das ebenso roh und bodenständig wirkt wie der Wein selbst. Der Bauprozess bleibt sichtbar und der Produktionsablauf wird architektonisch ablesbar. Großzügige Öffnungen verbinden Innenraum und Landschaft, Natur und Kultur. Trifolium zeigt, wie Zurückhaltung, Materialechtheit und Ortsbezug Stärke entfalten können.
Jingyang Camphor Court – ein Hotel als Teil des lebendigen Erbes
In Jingdezhen, China, entstand der Hotelkomplex „Jingyang Camphor Court“, der sich in ein ehemaliges Porzellanwerk und den alten Baumbestand einfügt. Die Idee von Vector Architects war es, die bestehenden Gebäude zu erhalten und sie mit neuen Funktionen zu beleben. Von Beginn an stand der Erhalt der jahrzehntealten Kampferbäume im Mittelpunkt. Baukörper, Hofgeometrien und Dachformen wurden so geplant, dass die Bäume unversehrt blieben.
Eine zweigeschossige Holz-Kreuzgangstruktur rahmt die Baumkronen ein und schafft ein intimes Ensemble, das an traditionelle Hofhäuser erinnert. Bestehende Backsteinbauten wurden erhalten und durch neue Volumina ergänzt, die mit warmen Terrakotta-Ziegeln, Sichtbeton und recycelten Materialien, die Porzellan- und Industriegeschichte Jingdezhens zitieren. Zwischenräume, Höfe und Veranden verweben sich mit dem Bestand und formen ein soziales Gefüge, das aus dem Ort selbst hervorgeht.
Ferrocarril de Cuernavaca 780 – Verdichtung mit Respekt vor dem Kontext
Das Hochhaus Ferrocarril de Cuernavaca 780 in Mexiko-Stadt zeigt, wie Architektur auf komplexe Umgebungen reagieren kann, ohne ihren Charakter zu verlieren. Auf einem lange ungenutzten Grundstück errichtete HEMAA ein präzise abgestimmtes Gebäude und ließ bewusst Fläche zur Erweiterung des benachbarten Parks frei. Der Kontext wird somit nicht nur berücksichtigt, sondern aktiv bereichert. Der Turm greift die klassische Hochhaustypologie mit Sockel, Schaft und Abschluss auf. Materialien wie Stahl und Glas verweisen auf den industriellen Kontext. Im Inneren sorgt ein robotergestütztes Parksystem für eine effiziente Raumnutzung, während die Nutzung des Erdgeschosses mit Café und Läden den öffentlichen Raum aktiviert. Das Projekt versteht sich als Teil einer städtebaulichen Transformation: Aus dem ehemaligen Bahnareal ist ein lebendiges Quartier entstanden. Es greift die Geschichte des Ortes auf und schafft ein flexibles, energieeffizientes Gebäude, das eine neue Identität stiften kann.
Fink Restaurant & Suites – Zeitlose Architektur mit Seele
Im Herzen der Brixner Altstadt wurde das 600 Jahre alte Stadthaus „Fink“ von Asaggio Architekten mit größtem Respekt vor seiner historischen Substanz saniert. Freigelegte Steinmauern und Rundbögen bilden das Fundament eines reduzierten und fein abgestimmten Designs, das den Charakter des Gebäudes nicht überformt, sondern bewusst zur Geltung bringt. Hie rzeigt sich „Contextual Architecture“ als sensibler Dialog mit dem Bestand: Die Architektur integriert die Geschichte nicht nur formal, sondern macht sie auch räumlich erlebbar. Die Verbindung aus einfacher Formensprache, natürlichen Materialien und nachhaltigem Denken lässt ein stimmiges Gesamtensemble entstehen, das tief im lokalen Kontext verwurzelt ist. Als Haus mit familiärer Geschichte versteht sich „Fink“ auch als Ort der Erinnerung und Achtsamkeit – in der Architektur ebenso wie im monastisch inspirierten Küchenkonzept. Vergangenheit und Gegenwart treten in einen ruhigen, respektvollen Einklang.












