Trendreport

Die Renaissance des rohen Ziegelsteins

Unverputzter Ziegel, lokale Bautraditionen, zirkuläre Konzepte – die ausgezeichneten Projekte zeigen, wie der traditionelle Baustoff Architektur und Interior Design neu prägt.

Ziegel feiert seit geraumer Zeit ein bemerkenswertes Comeback – nicht als nostalgisches Zitat, sondern als bewusste, materielle Haltung. In der heutigen Planungskultur gewinnt die Materialwahl zunehmend an strategischer Bedeutung – sie wird ganzheitlich entlang des gesamten Lebenszyklus bewertet: von der Rohstoffgewinnung und lokalen Verfügbarkeit über den Energieaufwand in der Herstellung bis hin zur Dauerhaftigkeit, Recyclingfähigkeit und Rückführung in den Stoffkreislauf. In diesem Kontext behauptet sich der Ziegel als einer der robustesten und zugleich wandlungsfähigsten Materialien – nicht trotz, sondern gerade wegen seiner traditionellen Fertigung und jahrhundertealten Anwendung im monolithischen Mauerwerk.

Neue Projekte zeigen, wie der Ziegel sowohl urbane Silhouette und ländliche Baukultur als auch vielfältig gestaltete Innenräume prägt: Außen strukturiert er Fassaden mit tektonischer Klarheit und einer Oberfläche, die im Laufe der Zeit zunehmend an Charakter gewinnt. Innen entfaltet der Baustoff seine Wirkung vor allem als identitätsstiftendes Element, das mit seiner natürlichen Textur und archaischer Optik neben räumlicher Tiefe und Charakter durch raumklimatische und akustische Qualitäten überzeugt: Als diffusionsoffener Baustoff wirkt Ziegel feuchtigkeitsregulierend, trägt zur thermischen Trägheit bei und verbessert mit seiner strukturierten Oberfläche die akustische Dämpfung – insbesondere in reduzierten Raumkonzepten mit hohem Anteil mineralischer Oberflächen.

Mit Eigenschaften wie hoher Speichermasse, Tragfähigkeit, Witterungsbeständigkeit und Feuerresistenz rückt der Ziegel wieder stärker ins Zentrum (innen-)/architektonischer Aufmerksamkeit. Doch das „Brick-Revival“ ist kein unreflektierter Rückgriff auf altbekannte Bauweisen. Seine Herstellung mittels energieintensiver Brenntechnologie, der massive Eingriff in Landschaften für den Tonabbau und das hohe Transportgewicht machen den Ziegel diskussionswürdig und treiben Entwicklungen wie Recyclingziegel oder CO₂-reduzierte Alternativen auf Geopolymerbasis voran.

Ziegel im Interior Design: Modularität und zirkuläres Gestalten

Zwei herausragende Projekte, die im Rahmen der diesjährigen ICONIC AWARDS ausgezeichnet werden, zeigen eindrucksvoll, wie flexibel und atmosphärisch dieser traditionelle Baustoff im Innenraum eingesetzt werden kann.

Im SHIYEFENGWU Store von Tuo + Urban Wave (China) wird der Ziegel zum modularen Gestaltungselement im Innenraum. Regale, Podeste und Trennwände bestehen aus „Ziegel/Holz“‑Modulen deren Bestandteile verschiebbar und höhenverstellbar sind. Zum Einsatz kommen gezielt Lochziegel, die durch ihr geringeres Gewicht besonders für flexible Innenraumanwendungen geeignet sind. Zusätzliche horizontale Hohlräume in den Ziegelmodulen erhöhen die Transparenz und brechen die Materialität visuell auf – so entsteht eine lichtdurchlässige Raumwirkung. Sichtbare Verbindungen verleihen dem Ensemble einen industriell-handwerklichen Charakter.

Auch der spanische Designer Lucas Muñoz Muñoz, der im Rahmen der diesjährigen ICONIC AWARDS als „Interior Designer of the Year“ ausgezeichnet wird, setzt Ziegel gezielt als wiederverwendetes Gestaltungselement ein – etwa im Restaurant MO de Movimiento in Madrid. Dort stammen alle Ziegel aus dem Bestandsbau und wurden als Wandverkleidung, Sitzmöbel oder Raumtrenner neu interpretiert. Statt verkleidet zu werden, bleibt der Ziegel in seiner rohen Form präsent. Der Einsatz des Ziegels bringt das Designverständnis von Lucas Muñoz Muñoz auf den Punkt: ein Gestaltungsansatz, der auf Bestehendem aufbaut, Wandel zulässt und zirkulär funktioniert.

Kulturelle Identität und Klimaregulierung durch wiederverwendete Ziegel – der „Hui Space“ in Hohhot

Im „Hui Space“ im chinesischen Hohhot wird der Ziegel zum zentralen Gestaltungselement – funktional wie kulturell. Das 2023 von Zhang Pengju entworfene Community-Zentrum vereint lokale Bautraditionen mit nachhaltiger Bauweise. Kein Stein wurde neu gebrannt – sämtliche Ziegel stammen aus dem Abriss lokaler Gebäude und wurden vor Ort wiederverwendet. Sie bilden das tragende Gerüst und regulieren das Raumklima durch Wärmespeicherung und Feuchtigkeitsaustausch. Ergänzt durch eine Flugasche-Dämmung entsteht ein ressourcenschonender, langlebiger Bau, der zeigt: der Ziegelstein beweist sich als zeitgemäßer Baustoff immer wieder neu.

Ziegel als Brücke zwischen Alt und Neu – Kulturraum in Flix von Camps Felip Arquitecturia

In Flix (Spanien) verwandelte das Büro Camps Felip Arquitecturia ein ehemaliges Lagerhaus in einen zeitgemäßen Kulturraum – mit dem Ziegel als verbindendem Element zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die historische Ziegelfassade bleibt erhalten, im Inneren wird das Material vielseitig neu eingesetzt: als Bodenbelag, Wandverkleidung und selbsttragende Struktur. Ein doppelschaliges Wandsystem verbirgt Technik dezent hinter einer Ziegelschale. Seine thermischen Eigenschaften verbessern zudem die Energiebilanz des Gebäudes.

Die bei den diesjährigen ICONIC AWARDS ausgezeichneten Projekte verdeutlichen: Der Ziegel ist weit mehr als nur ein Baustoff – er verbindet kulturelle Kontinuität mit funktionaler Intelligenz und schafft eine atmosphärische Präsenz, die Innen- und Außenräume gleichermaßen prägt.

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