© Gonzalo Machado
Trendreport

Vom Trendspace zum flexiblen Raum

Mit modularen Systemen und wiederverwendeten Materialien schlägt das Interior Design eine neue Richtung ein – für wechselnde Nutzungen und längere Materiallebenszyklen.Wie flexible Innen­archi­tektur urbane Räume rettet.

Aus der Architektur übernommen

Architektonische Strategien wie modulare Planung, reversible Konstruktionen und geschlossene Materialkreisläufe haben längst ihren Platz in der Baupraxis gefunden – und werden nun vermehrt von der Innenarchitektur aufgegriffen. Für Innenarchitekt:innen eröffnet sich damit ein erweitertes Werkzeugset: Räume lassen sich nicht mehr nur für eine aktuelle Nutzung entwerfen, sondern als offene Systeme, die zukünftige Veränderungen mitdenken.

Dabei rücken Materialien in den Vordergrund, die bislang vor allem im architektonischen Maßstab eingesetzt wurden: vorgefertigte Holzmodule, die sich ohne Substanzverlust mehrfach umbauen lassen; Massivholz- oder Lehmbauteile, die raumklimatisch wirksam sind und zugleich sortenrein rückgebaut werden können; wiederverwendete Ziegel oder Naturstein, deren Patina gestalterischen Mehrwert schafft; sowie biobasierte Verbundwerkstoffe, die im Innenraum neue Formate und Anwendungen finden. Auch das bewusste Sichtbarmachen von Fügungen – Schraubverbindungen statt Klebstoff, Stecksysteme statt Versiegelung – erleichtert nicht nur die spätere Anpassung, sondern wird selbst zum gestalterischen Ausdruck. Gerade in urban verdichteten Kontexten, wo Flächen kostbar und der Nutzwert im Wandel sind, wird der Innenraum so zur flexiblen Ressource – strategisch geplant, materialbewusst und gestalterisch präzise ausgeführt.

Shiyefengwu Shuncheng Store

In Kunming nutzte Studio D’Arkwave diese Prinzipien, um auf nur 108 Quadratmetern im fünften Obergeschoss eines Marktes einen wandelbaren Store-Innenraum zu realisieren. Drei zentrale Fixpunkte – eine abstrahierte Yunnan-Karte als Wandinstallation, eine rotierende Ausstellungsplattform und eine gemeinschaftliche Kücheninsel – strukturieren den Raum. Darum gruppieren sich Module für Warenpräsentation, Pop-up-Stände und Loungebereiche, gefertigt aus einem wiederholbaren „Brick + Wood“-System. Verschraubte Stahlstangen und Muttern halten die Bauteile zusammen und machen sie vollständig demontier- und rekonfigurierbar.

Licht dringt durch vertikale Fugen ins Innere, Blickachsen bleiben offen, und die Möblierung variiert in Höhe und Position, um subtile Bewegungslenkung zu ermöglichen. Innerhalb von nur fünf Wochen entstand so ein Innenraum, der sich jederzeit auf neue Programme einstellen kann – vom Verkaufsraum über Ausstellung bis hin zum Veranstaltungsort.

MO de Movimiento

In Madrid setzte Designer Lucas Muñoz Muñoz auf einen radikal zirkulären Ansatz: Eine ehemalige Industriehalle wurde zu einer Gastronomie- und Kulturstätte transformiert, ohne auf neue Materialien zurückzugreifen. Nahezu alles – von Stühlen bis zur Bar – besteht aus wiederverwendeten Elementen des abgerissenen Bestands oder aus Fundstücken. Selbst die Klimaarchitektur folgt dieser Logik: Große Terracotta-Volumen dienen als Wärmespeicher und passive Kühlung, verbinden Materialästhetik mit funktionaler Effizienz.

Die Raumorganisation bleibt offen, Möblierung und Installationen sind mobil und veränderbar. Der sichtbare Alterungsprozess der Materialien wird nicht kaschiert, sondern als gestalterischer Wert verstanden. Der Innenraum ist hier nicht Endzustand, sondern Prozess – ein Raum, der lebt und sich kontinuierlich anpasst.

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